Making of Antarctic

Auszug aus dem Buch:

 

Fragile Schönheit

Welches eine, intensivste, merkenswerteste Bild behält man als Souvenir im Kopf, wenn man über Wochen und Monate an den beiden Polen der Erde unterwegs war und täglich hunderte von Fotos auf seiner Kamera festhielt? Was bleibt da als Impression im Gedächtnis? Und welch ein Gefühl bewahrt sich das Herz, um diese Weltumspannung vom nördlichen, arktischen Polarkreis bis zum Südkontinent Antarktis überhaupt in eine Schublade zu bringen? Michael Poliza, der nach sieben Jahren in Cape Town, Südafrika, gerade wieder zurück nach Hamburg zieht und also aus einer Welt der Farbenpracht und -vielfalt kommt, hat vor allem die spezifische Farbgebung vor seinem geistigen Auge, wenn er an seine letzten, großen Antarktisreisen denkt. „Da ist zunächst diese scheinbar sehr reduzierte, fast monochrome Palette von Weiß (wie der Schnee) und Schwarz (wie die Felsen), deren Nuancen-Reichtum man erst mit der Zeit realisiert. Dazu ein ungeheures Spektrum von Wasser-Blautönen, die alles dominieren. Und dazwischen immer diese Farbtupfer durch die Tierwelt – kleine Spritzer von Gelb, Grün, Violett und Rot – ja, rot wie die ewigen, nicht enden wollenden Sonnenauf- und -untergänge.“ Gern lässt sich der pragmatische Poliza einen „gewissen Sinn für Romantik“ unterstellen, wenngleich seine Mission, sein innerer Antrieb fürs langjährige Globetrotter-Leben so gar nicht auf Schwelgerei basiert. Denn seit seiner „Starship Millennium Voyage“ rund um die Welt von 1998 bis 2001 hat Michael Poliza ein ganz großes, drängendes Anliegen: Bewusstsein schaffen für den Zustand unserer Erde. „Klar müssen wir uns mit den kritischen Status-Quo-Berichten auseinandersetzen.“ Doch er selbst möchte auf positivem Wege zeigen, „was überhaupt alles an solch unglaublicher Schönheit in dieser Welt existiert, das wir nach wie vor oder jetzt erst recht schützen und erhalten können“. 

Flora und Fauna von ihren ursprünglichen, und daher Wunder-vollsten Seiten möchte er aufspüren. Im Superweitwinkel betrachtet ebenso wie hautnah fokussiert. Und dadurch ein persönliches Verantwortungsgefühl provozieren. Bei jedem Einzelnen. Für die Erhaltung unserer Welt „Mut machen und motivieren“. Das funktioniert seiner Überzeugung nach am besten über die Emotion. „Denn nur was uns herzensmäßig wichtig ist, bekommt heutzutage noch unsere wirkliche Aufmerksamkeit, unsere Konzentration – und dann vielleicht in der Folge sogar unser Engagement.“ Wenn er durch seine Fotografie zu diesem Prozess „einen klitzekleinen Beitrag“ leisten kann, wäre er schon sehr zufrieden, sagt Poliza.

Nach dem enormen Erfolg seiner beiden ersten großen teNeues-Werke Africa und Eyes over Africa beschloss Poliza, sich den vom „global warming“ am stärksten bedrohten Teilen der Erde fotografisch zu nähern. Denn nirgendwo sonst auf dem Planeten geht der Klimawandel so rapide und so gravierend vor sich wie in der Arktis und der Antarktis. Zwei im wahrsten Sinn des Wortes „weiße Flecken“ auf der Kugel, die beim Fokus-Flug mit Google Earth im weiß-grau melierten Nichts enden. Die beiden Pole haben ihren Namen vom griechischen Ursprungswort „arktos“ – der Bär. Das hat allerdings nichts mit einem der dortigen Hauptbewohner zu tun, sondern „arktikos“ bedeutet „das Land unter dem Sternbild des Großen Bären“. Außerdem steht auch der Polarstern nahezu senkrecht über dem Nordpol und gehört zum Sternbild des Kleinen Bären. An dieser Stelle der Arktis ist der Ozean gut viertausend Meter tief und wie die gesamte Hocharktis (noch) das ganze Jahr über von Eis und Schnee bedeckt. Nur gegen Süden hin, an den Nordrändern der Kontinente Nordamerika, Asien und Europa, taut es im arktischen Sommer etwas auf und die typischen „Pingos“ – von Eislinsen abgerundete Hügel – kommen zum Vorschein. Dort wird es dann so etwas wie lebensfreundlich – weshalb sich in der Arktis auch fast eine Million Menschen, größtenteils Inuit, angesiedelt haben. Nur sehr wenige Säugetier- und Fischarten leisten ihnen dort Gesellschaft. Lediglich das gefiederte Getier findet es dort am Rande von „Permafrost“ richtig klasse, weil der arktische Ozean eine enorme sommerliche Algenblüte produziert und dadurch reichlich Futter für eine kurze Nahrungskette liefert, an deren Ende sich u. a. die Seevögel laben. Zur Brutsaison gibt’s deshalb auch noch zusätzlichen Besuch von Zugvögel-Kollegen aus aller Welt.

In beiden Regionen, an Arktis wie auf Antarktis, gibt es also unvorstellbar viel Eis und Schnee, Gletscherspalten und grausige Temperaturen von bis zu minus 60 oder gar Rekordwerte von minus 89 Grad Celsius. Ein paar Grad wärmer durch Klimaveränderung – „Na und?“, denkt sich der Normalbürger, „da wird sich der Eisbär doch wohl drüber freuen!?“. „Pustekuchen! Genau der ist am meisten davon bedroht!“, erklärt Poliza und wir holen kurz in die „biological basics“ aus.

Der Eisbär (Ursus maritimus), ist das größte Landraubtier der Erde, das zwar an Land lebt, aber mit seinen gehörigen Paddelfüßen und seiner phantastischen Wärme-Isolierung, mit bis zu zehn Zentimeter Speckschicht sowie innen hohlen Fellhaaren, sehr gut fürs Leben im Wasser ausgerüstet ist. Er kann locker mal in zwei, drei Tagen hundert Kilometer oder mehr schwimmen – sein Futter muss er sich allerdings an Land bzw. auf Eis besorgen, denn sein Speiseplan fokussiert sich vor allem auf Robben. Für diese Wasserkollegen ist er mit 300 bis 800 Kilogramm (Weibchen/Männchen) Lebendgewicht im selbigen Element jedoch viel zu langsam. Also lauert er seiner Lieblingsbeute beim Ausruhen oder Luftholen auf Eisbergen und Eisschollen auf. Und dies mit viel List und Tücke, denn intelligent ist er auch, der Eisbär, mit seinen drei bis vier Metern ausgewachsener Körpergröße und Pranken so groß, dass sich Michael Poliza mit dick gefütterten Winterstiefeln der Schuhgröße 44 locker zweibeinig in die Fußabdrücke stellen kann. Ein gescheiter Kopf nutzt Gevatter Bär dennoch herzlich wenig, wenn ihm das Eis zwei Wochen früher im Jahr dahinschmilzt und erst mit einem Monat Verspätung wieder zugefriert – dank „global warming“. Kein Eis, kein Futter, kein Eisbär! So simpel lässt sich sein Schicksal skizzieren. Und so sank das Durchschnittsgewicht der Eisbärweibchen, z.B. am Hudson Bay, in den letzten 30 Jahren um ein Viertel und immer weniger Eisbär-Babies überleben überhaupt das erste Jahr.

Nicht zuletzt als „Inbegriff der Bedrohtheit“ hat es der „König des Nordens“ auf’s Cover von AntArctic geschafft. Dass er sich just im lila Blumenfeld präsentiert, war einer jener singulären Träume von Michael Poliza, die exakt wie bestellt in Erfüllung gegangen sind. 2005 hatte er schon einmal Churchill, Manitoba, Kanada, die „polar bear capital of the world“ besucht. Jenes legendäre Dorf von 600 Einwohnern, das über die Sommersaison, Ende Juli bis Ende Oktober, mittlerweile von bis zu viertausend Touristen beglückt wird. Weil eben dort die weißhaarigen Gesellen mit der schwarzen Haut zu Dutzenden an der Küste ihre faule Sommer-Siesta halten, kaum fressen und stattdessen ihre Fettreserven verbrauchen, während sie auf das Zufrieren der Hudson Bay, ihrem natürlichen Jagdrevier, warten.

 

 

Im August blüht entlang der Küste ein Unkraut namens „fireweed“, das schmalblättrige Weidenröschen. „In dieser lieblich leuchtenden, violetten Blütenpracht einen weißen Eisbären erwischen“, das war schon lange eine von Polizas Visionen und der Kanadier Mike Reimer, Besitzer der Seal River Lodge etwa 100 km nördlich im Niemandsland von Churchill, sollte ihm schließlich das Set-Up für diese „fast groteske Bild-Szenerie“ liefern. Am sogenannten Hubbard Point baute sich der kamerabewaffnete Bärenjäger im August 2008 ein kleines Extra-Camp. Zwei Schlafzelte mit 2,5 Meter hohem verstärkten Maschendrahtzaun, extra gesicherten Ausrüstungszelten für die absolut luftdicht verschlossene Verpflegung und nochmal einem Elektrozaun ums ganze Camp herum. Das Raubtier Eisbär, so muss man wissen, ist nämlich nicht nur besonders neugierig, sondern hat auch einen außergewöhnlich ausgeprägten Geruchssinn. Und in sommerlichen Diätphasen durchaus auch Appetit auf Mensch samt dessen eigene Kost. „Im Vergleich zu den Eisbären sind die Löwen in Afrika, gelinde gesagt, süße Hauskatzen“, erklärt Poliza und erzählt sodann wie es zum „Traumfoto“ kam. Denn in Wahrheit war es schlicht die drückende Blase, die ihn eines Morgens um Viertel vor vier vorsichtig die Zeltwand für den Austritt öffnen ließ, und siehe da: „Keine zehn Meter vor mir, unter diesem bedeckten und daher so wunderbar reflektierenden Sonnenaufgangshimmel ... ein Bär mitten im lila Blumentraum! Leise, leise weckte ich meinen Freund Richard und leise, leise zückten wir die Kameras.“


Die Belugas (Delphinapterus leucas), auch Weißwale genannt, sind der zweite Grund, warum Churchill im Sommer zur Touristenhochburg wird. Zu Hunderten bringen sie dort ihre Jungen zur Welt und lassen sich selbst brav als Abenteuer-Attraktion einspannen. Wegen ihrer unverwachsenen Halswirbel können die drei bis sechs Meter langen, exklusiv arktischen Meerestiere possierlich ihren Kopf bewegen, außerdem den Gesichtsausdruck verändern und zur Kommunikation sogar ihre Mundwinkel nach oben und unten ziehen. Weil sie so gar nicht auf Menschenschmaus stehen, sondern sich brav von Fischen und Kleinkrebsen ernähren, beliebt es ihnen, mit der unsrigen Spezies im Wasser sogar ein wenig Schabernack zu treiben. Und so lassen sich mutige Churchill-Sommerfrischler in Trockenanzug und Schnorchlerausrüstung gestopft, rückwärts an den Füßen festgebunden vom Schlauchboot durchs eiskalte Wasser ziehen. Tuchfühlung mit Belugas: „all inclusive“.

Für seine Geschichte zu den Walrossen holt Michael Poliza etwas weiter aus. Denn sie stellten vor allem ein logistisches Problem dar. Die wenigen angebotenen Expeditionen in ihre arktischen Reviere sind über Jahre hinaus ausgebucht. Und nur dank besagtem Mike Reimer, der in Coral Harbour, ganz im Norden der Hudson Bay, einen Inuit mit „angeblich komfortablem und sicheren Boot für eine entsprechend mehrtägige Schiffausfahrt“ fand, konnte die etappenreiche Reise zu diesen gewaltigen, oft über eine Tonne schweren Robben der Nordhalbkugel stattfinden. Der lateinische Name des Walrosses (Odobenus rosmarus) kommt übrigens von seinen fast widersinnig scheinenden, monströsen Eckzähnen (Hauern), die bis zu 50 Zentimeter lang werden und mit denen sich der kurzstopplig faltige Dickhäuter nicht nur verteidigt, sondern im Flachwasser auch den Meeresboden auf Muscheln und Krebse hin durchpflügt. Über ihre Hauer positionieren sich Walrossbulle sowie -kuh auch was Geschlecht, Alter und sozialen Status betrifft.

Vor derlei Spezialstudien hatte Michael Poliza aber zunächst seine Dauerherausforderung, das Thema Reise an sich zu meistern. Seine Kameratasche und den Rucksack mit insgesamt gut achtzig Kilogramm Equipment möchte er nämlich, wenn es irgend geht, nicht als normales Gepäck am Schalter aufgeben, sondern trägt es stets lieber „locker“ über der Schulter und ist dabei immer etwas gehetzt von der Angst, die Kameras nicht mit an Bord zu bekommen. Zuvorkommende Stewardessen im Flieger, die ihm helfen wollen, seine Taschen im Gepäckfach überm Sitz zu verstauen, werden auf’s charmanteste zurückgewiesen: „Danke, danke, ich mach das schon!“ Und Passagier Poliza manövriert scheinbar mühelos seine ultraschweren Taschen in die Ablage hinein.

Für die Reise nach Denver, Winnipeg, Churchill und nochmal drei Stunden nach Coral Harbour hatte Poliza gottseidank seinen Fotografenfreund Richard Voliva zur Gepäckverteilung mit dabei. Das Abenteuer „Coats Island“ ging jedoch erst richtig mit Betreten des 13 Meter langen Aluminiumschiffs von Captain Joe, dem Inuit, los. Denn „dieses Schiff war das verrottetste, miserabel ausgerüstetste und daher gefährlichste Wasserfahrzeug, was mir in meinem ganzen Weltenbummlerleben untergekommen ist!“, erinnert sich Poliza und erzählt, wie sie ihre Schlafsäcke auf zwei Bananenkistenbänken ausrollten und bei jedem starken Seegang die explosionsgefährdeten Gasflaschen, die nonstop von Steuerbord nach Backbord rutschten, mit ihren Armen fixierten. Die Krönung war schließlich eine Sturmwarnung, die Poliza am Strand einer Insel anhand seiner tragbaren Internet-Satellitenschüssel auffing. „Einer der größten Sommerstürme war auf dem Weg zu uns; die nächste Küstenwachstation gut 2000 Seemeilen entfernt und wir fernab von jeglichen befahrenen Seefahrtswegen. Ich sah dies einzig dunkelrote Warnfeld am Computer und mir ging – ehrlich gesagt – der Hintern auf Grundeis.“ Die ganze Expedition hing plötzlich wie ein Fragezeichen im Wind, und man setzte zwar sofort zum Rückweg an, entschied sich aber dennoch für das Risiko eines vierstündigen Umwegs über eine kleine, alternative Walross-Insel. „Und die Götter waren mit uns! Da lagen sie wie auf Bestellung, aufgereiht im Dutzend am Ufer und erwarteten uns.“ Nach eineinhalb Turbo-Klick-Stunden hatte Poliza sein Thema „Walross“ einigermaßen im Kasten, und spät abends erreichten die drei Waghalsigen mit dem letzten Wasser vor der Ebbe auch noch den rettenden Hafen von Coral Harbour – just bevor der angekündigte Mega-Sturm drei Tage wütete und weder per Schiff noch per Flugzeug ein Wegkommen war.

Michael Polizas Fotoreisen in die Antarktis verliefen da weit geordneter. „Antarktikos“ (griechisch) bedeutet zunächst einfach „das Gegenstück zum Nordpol“. Ein eigener Kontinent, der das Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas, das Kap Agulhas in Südafrika sowie die Inseln Tasmanien und Neuseeland als nächste, nördliche Nachbarn hat. Ab 1820 versuchten die Helden der Erdentdeckungsgeschichte den „weißen Fleck auf der Landkarte“ systematisch zu erforschen. James Cook hatte zwar 1773 vermutlich als erster Mensch den südlichen Polarkreis überquert, war aber vom Packeis daran gehindert worden, die Antarktis wirklich zu Gesicht zu bekommen. Die erste Antarktisexpedition von Robert Falcon Scott (1901–1904) näherte sich dem Südpol bis auf 480 Meilen. „Wie kein anderes Land unserer Erde liegt es da, ungesehen und unbetreten“, meinte der Norweger Roald Amundsen am 14. Dezember 1911, als er mit seiner Expedition als Erster den Südpol erreichte – quasi im Wettlauf mit Scott, der auf dem Rückweg mit all seinen Begleitern im Schneesturm umkam. Die Eroberung dieses letzten unbekannten Fleckens Erde galt lange Zeit als Metapher für den Triumph des Imperialismus – oder für sportliche Höchstleistung. Weshalb sich Rekordjäger Reinhold Messner gleich nach seiner Mount Everest-Eroberung 1978 an die Durchquerung der Antarktis machte – was ihm 1990 zusammen mit Arved Fuchs auch gelang. Zu den wenigen Menschen, die beide Pole überquerten, gehört übrigens der junge britische Abenteurer, Ökologe und Kopf von Adventure Ecology – David de Rothschild.

Die neue Bilddokumentation oder besser -interpretation der Antarktis von Michael Poliza sollte „möglichst nachvollziehbar für jedermann“ sein, sprich einer Route folgen, die der verantwortungsvolle Naturfreund auch selbst nachreisen kann. Polizas Wunsch bzw. die Überlegung, „wie kann ich einerseits möglichst viel antarktischen Lebensraum (= Fläche) abdecken und andererseits mit möglichst viel Muße das Leben der Tierwelt im Einzelnen erforschen bzw. im Detail ablichten?“, ließen sich auf der MS Bremen realisieren. Auf diesem Kreuzfahrtschiff erfüllte sich auch Polizas „Uralt-Traum“, endlich mal Südgeorgien und die Falklands auf einer Antarktis-Reise zu integrieren. Ein „Umweg“, den er jedem Südpol-Interessenten wärmstens empfiehlt. Mit Hapag-Lloyd Kreuzfahrten in Hamburg hatte Poliza recht unkomplizierte Kooperationspartner gefunden, die ihm auf ihren „soft expeditions“ in südpolare Gefilde eine eigene Kabine auf dem komfortablen Kreuzfahrtschiff zur Verfügung stellten und ihm nebst dem begleitenden Expeditions- und Lektoren-Team den Sonderstatus als Fotograf ausstellten. „Zumindest war das die nett gemeinte Ansage von der Hamburger Reederei“, schmunzelt Poliza. „An Bord, auf hoher See, hab’ ich zunächst als ‚Mister Extrawurst‘ nur den stoisch argwöhnischen Widerstand der berüchtigten, hanseatisch kalten Schulter kassiert.“ Da musste Kapitän Daniel Felgner erst einmal elegant diplomatisch „mit der Faust auf den Tisch hauen“ und Poliza sich gegenüber der Crew als Mensch mit Teamgeist und vor allem als tauglicher Seemann beweisen. Nach ein paar Vorträgen über Fotografie ist dann schlussendlich aber ein „großartiges Zusammenwachsen“ von Mannschaft und Matrose Michael herausgekommen. „Freunde fürs Leben“ gewann er auf den fünf Kreuzfahrten zwischen 2007 und 2008 rings um jenen Teil der Antarktis, der Südamerika am nächsten liegt. Morgens um vier bekam der Fotomeister täglich seinen Anruf von der Brücke mit Wetter- und Lagebericht. Oft kletterte Poliza dann sogleich aus seiner Kajüte an Deck, um ganz à la Titanic mit einem Kran in einem Schlauchboot über Bord gehievt und ins Wasser gelassen zu werden. Einzige Bedingung für sein extratourliches Arbeiten: „Ich musste permanent per Funk erreichbar sein, mich natürlich an die Regeln halten – ansonsten: Freiheit! Ach, es war herrlich!

Wenn Michael Poliza allein ist mit bzw. in der Natur, dann schwebt er „in hohen Glücksregionen“. Dann geht er auf im Atmen mit den Elementen und in der Konzentration aufs fotografische Komponieren. Es ist dies einerseits ein geduldigstes Warten auf die Angebote des Zufalls und andererseits ein permanent hellwaches Sehen und blitzschnelles Zuschnappen, wenn sich die für seine Fotografie so charakteristischen grafischen Strukturen, Spiegelungseffekte und Geometrien ergeben. Wenn das Zusammenspiel von Sonne, Wasser, Wolke, Licht zur Inszenierung wird. Und er durch feinsinniges Beobachten die Schöpfungen der Natur zur Fotokunst erheben kann.

Und so drückte er drauf – wenn er an den gigantischen Tafeleisbergen vorbeirauschte, die in manch futuristischer Wasserversorgungsvision schon als Süßwasserspeicher nach Afrika oder in andere Trockengebiete abgeschleppt werden sollten. Und so ließ er seine Kamera schnurren, wenn ihm die Bewohner eines der üppigsten Ökosysteme der Welt kleine Einblicke in ihr „phantastisch aufeinander abgestimmtes Leben im Miteinander“ gestatteten: Vögel, Fische, Wale, Kalmare, Seelöwen, Seehunde, Pinguine ... ja, die kleinen „Herrscher der Insel“ in ihrem stromlinienförmigen Frack haben es Poliza ganz besonders angetan. Immer wieder staunte er, was die gruppendynamisch hochinteressanten Adélie- und Kaiserpinguine bei permanent strammen Minusgraden alles aufführen. Dank der fehlenden Landraubtiere, wie den Eisbären in der Arktis, ist diese flugunfähige Seevögel-Familie übrigens überhaupt nicht scheu – Fluchtverhalten galt es im Laufe ihrer Evolution zur Massenbevölkerung niemals zu üben. Ihre Geselligkeit und soziale Fürsorglichkeit, ihr Familienverhalten in allen Facetten konnte man schon als Poliza-Gusto-Stückchen von November 2007 bis März 2008 auf der Website des Magazins Stern als Online-Blog bestaunen.

Die elegant possierlichen Königspinguine (Aptenodytes patagonicus) wählte Poliza besonders gern als Models seiner Bilderwelten. Mit einem Körpermaß von einem Meter und bis zu 15 Kilo Gewicht sind Königspinguine die zweitgrößte Pinguinart der Erde und dazu eben auch die farbenprächtigste. Sie bewohnen nicht die Antarktis, sondern subpolare Inseln, wie z.B. Südgeorgien. Im Oktober kehren Königspinguine in ihre Brutkolonien zurück und legen nur ein einzig kostbares Ei, das dann auch entsprechend umsichtig abwechselnd von beiden Partnern für 55 Tage auf den Füßen bebrütet und hin und her geschupst wird. Das Küken ist dann im Familiensinne ein echter „Nesthocker“ und braucht gut elf Monate bis zur Selbstständigkeit. Auf Südgeorgien hatte Poliza das Glück, mehrmals für längere Zeit in einer der größten Kolonien fotografieren zu können. Und fühlte sich fast wie ein Operndirigent inmitten dieses einzigartigen Konzerts von Bettelrufen aus tausenden hungrigen Pinguinkehlen und vor einer „wahrhaft berauschenden Berg- und Gletscherkulisse“.

Ebenso privilegiert fühlte sich Poliza beim Besuch einer Brutkolonie von Albatrossen. Auf den Falklandinseln konnte er in die Kinderstube des Schwarzbrauenalbatros (Thalassarche melanophrys) blicken. Mit 2,20 Metern Flügelspannweite gehören selbige noch zu den eher kleinen Arten, ihre Flugkünste sind jedoch gigantisch. Ohne einen Flügelschlag gleiten sie über die Wellen auf der Suche nach Fisch und Tintenfisch und legen dabei bis zu tausend Kilometer am Tag zurück. Wegen dieser enormen Nahrungsbesorgungsflüge und auch wegen ihrer extrem langen Bebrütungs- und Aufzuchtperioden, legen Albatrosse ebenfalls nur ein einziges Ei und können auch oft nur zweimal in drei Jahren erfolgreich brüten. „Für die Tierart als solches alles kein Problem, wenn nicht die hohe Sterberate durch Langleinen-Fischerei wäre“, gibt Poliza zu bedenken. Die industrielle Abfischerei im südlichen Ozean ist für Albatrosse zur Todesursache Nummer eins geworden und mittlerweile sind sämtliche Albatros-Arten von der IUCN, der Naturschutzorganisation der Vereinten Nationen, als bedroht eingestuft worden – ein trauriger Rekord unter den 146 bekannten Vogelfamilien der Erde.

Und was hat Poliza nun also ganz persönlich am meisten bewegt während seiner Reisen in die polaren Regionen? „Die Fragilität!“, sagt er spontan. „Diese geniale bis phänomenale Anpassung der Pflanzen- und Tierwelt an die so unwirtlich scheinenden Lebensbedingungen an diesen extremen Winkeln der Erde. Diese Vielfalt, ja, fast Explosion von Leben bei Temperaturen, die bei uns nur in Gefriertruhen herrschen. Diese wunderbar funktionierenden Ökosysteme, in denen Millionen Tiere mit den Jahreszeiten und natürlichen Bedingungen interagieren“. „Die Feinsinnigkeit im Miteinander“, die habe ihn zutiefst beeindruckt – ihm die Zerbrechlichkeit, die Bedrohtheit so eindringlich klar gemacht. Und all das treibt Michael Poliza, den Fotoreisenden in Sachen Umwelterhaltung, nun auch weiter an, sein Objektiv auf die bekannten wie auch ungesehenen Schätze von Mutter Erde zu richten. Weiter zu reisen und Naturgeheimnisse zu dechiffrieren. Einen Kontinent nach dem andern zu dokumentieren. Im „Poliza Style“. Man darf sich freuen.


Vita

Ermuntert von dem unerwarteten Erfolg seiner beiden Fotobände Africa und Eyes over Africa nennt sich Michael Poliza, der Selfmademan und Pionier einer neuartigen Kunstform von Wildlife-Fotografie seit einiger Zeit auch ganz offiziell von Berufs wegen „Fotograf“. Ausgezeichnet u.a. mit dem renommierten International Photography Award der USA wie auch mit dem Deutschen Fotobuchpreis 2008, darf man bei Poliza jetzt wohl auch von seiner wahren Berufung reden – und sei’s nur, dass dies ganz offensichtlich das geeignetste Medium ist, um sich selbst, sein Anliegen wie auch seine Herzensregungen am besten und am schönsten auszudrücken.

Mit Selbstausdruck hat der junge Poliza auch seine erste, sehr frühe Karriere begonnen. Vom Zufall mit einer Filmrolle bedacht, avancierte der damals zwölfjährige Backfisch Michael, ein waschechter Hanseat und Hamburger Bürgersohn, über Nacht zum Teenager-Star und spielte in über siebzig Kinofilmen, Shows und Fernsehserien mit. Sein letzter Auftritt war in der Walter Kempowski-Verfilmung Tadellöser & Wolff 1975. Da der junge Poliza aber seine Zukunft nicht als Schauspieler sah, zog er als Austauschschüler ab in die USA und entdeckte dort nicht nur seine Leidenschaft für die gerade erwachende PC-Technologie, sondern belegte auch seine ersten Kurse im Fotolabor und in der Schwarz-Weiß-Fotografie.

Zurück in der Hamburger Heimat begann er ein Informatikstudium, und diesem folgte prompt ein raketenartiger Aufstieg zum 22-jährigen Unternehmer mit 130 Angestellten und einer 70-Stunden-Woche. Trotz des formidablen Erfolges seiner Company beschloss Michael Poliza mit 27 Jahren den ersten „big cut“ – den radikalen Ausstieg aus seinem bisherigen Leben, weil ihm die wachsenden Umsätze nicht zu mehr Lebensglück gereichten bzw. die große Frage nach der wirklichen Erfüllung angesichts des Erfolgs immer drängender wurde.

Nach einem kurzen Ausflug in die Multiplexbranche als Investor und Mit-gründer der CinemaxX-Kinos, entdeckte der ewig reiselustige und wissensdurstige Poliza die Natur und freie Wildbahn als das ideale Umfeld, in dem sein rasend vielgleisiger Kopf am besten zur Ruhe, in seine Mitte und in die Konzentration fand. Die Frage, „Was will eigentlich mein Herz?“, wurde zur neuen Lebenspriorität des mittlerweile 30-jährigen Poliza und die Entdeckung der Schönheit von Flora und Fauna, von „Natur pur“ entwickelte sich zu seinem neuen, „wahrhaftig gefühlten Lebensglück“.

Nach diversen Tauch-Expeditionen und mehrmonatigen Abenteuerreisen, nach Australien, Papua-Neuguinea etc., entwickelte Poliza pünktlich zur Jahrhundertwende die Idee einer „Starship Millennium Voyage“ und gewann das Magazin Stern als großen Medienpartner sowie eine Reihe von Sponsoren, die das engagierte Projekt finanzierten. Seine dreijährige Schiffsreise rings um die Welt, bis in die entlegensten Winkel der Erde – mit täglichen Online-Berichten und Web-Reportagen – wurde zur globalen Bestandsaufnahme einer Welt, deren Schönheit und Artenvielfalt zu erhalten er zu einem wichtigen Anliegen erklärte. „Bewusstsein schaffen“ wurde zur neuen Ambition, das „Starship“-Reportage-Buch zum grandiosen Bestseller. Michael Poliza selbst überlegte sich 2001 allerdings erneut, wie sein Leben nun weitergehen solle, um nicht dem allgegenwärtigen „Besser-Höher-Weiter“-Prinzip zu erliegen.

Auf dem Weg nach Madagaskar blieb er mit Leib und Seele am Kap der guten Hoffnung hängen und machte in Cape Town sein neues Zuhause, sein neues Basislager auf. Die Freundschaft mit einem der Gründer von Wilderness Safaris in Afrika, sollte sein drittes Schicksal werden: Auf dem schwarzen Kontinent, im Busch, beim Beobachten von Tieren in der freien Wildbahn, fand er sein neues Lebensglück und zog durch sämtliche 55 preisgekrönten Lodges und Safari-Camps in Tansania, Simbabwe, Kenia, Malawi, Sambia und Südafrika.

Seine privaten Safaribilder, die „zunächst völlig planlos, so ganz nebenbei“ entstanden waren, fanden schnell den entsprechend Afrika-begeisterten Verleger, und „der Neue in der Branche“ veröffentlichte 2006 sein erstes, voluminöses Fotowerk im teNeues Verlag. Africa wurde ein Riesenerfolg. Poliza beeindruckte Publikum wie Presse mit seinen sensiblen Beobachtungen der Tierwelt, den ungewöhnlichen Betrachtungsweisen der Natur und vor allem mit seinem eigenwilligen Blick für graphische Struktur und Bildkomposition – eine neue Dimension von Dokumentarfotografie.

„Poliza has taken wildlife and landscape photography to a new level“, schwärmte die Cape Times im September 2006. Und die New York Times: „It is unlikely to change the way you think about Africa. But it might change the way you think about photography.“ In Großbritannien schrieb der Daily Express: „If ever a book could take your breath away, this is the one.“ Und in Good Morning America auf ABC-TV hieß es: „Africa is voted to be part of ‚The Best Coffee-Table Books of 2006‘.“

Die just darauf folgende Idee von Poliza und seinem Freund Stefan Breuer, von Hamburg bis nach Kapstadt mit dem Hubschrauber zu fliegen und die beiden Kontinente ausschließlich von oben zu betrachten, führte zum nächsten Extra-Large-Fotowerk Eyes over Africa. Und wieder löste Poliza eine internationale Welle von Lob und Entzücken aus. „Ein Denkmal zum Durchblättern!“, konstatierte die Welt am Sonntag: „Einmalige Bilder eines Kontinents, die die Welt noch nicht gesehen hat.“ „Spektakulär!“, meinte der Stern und publizierte im Dezember 2007 auf insgesamt 35 Seiten die prachtvollen Vogel-Perspektiven – die größte Stern-Fotostory seit zwei Jahrzehnten.

Während die Welt in seinen Büchern schwelgte, saß Poliza selbst längst bei den Adélie-Pinguinen in der Antarktis und bewunderte die Sonne, wie sie stundenlang schwebend am Horizont ihren endgültigen Untergang in großartigster Inszenierung verzögerte. Und während Sie diese Zeilen lesen, wandert Michael Poliza vermutlich gerade mit den Aborigines von Australien um ihren heiligen Tafelberg Uluru, den legendären Ayers Rock, herum und überlegt sich, welch neue Perspektiven er auch diesem Monument eines Kontinents für uns abgewinnen kann.

 

aktuelles Foto aus Juli 2009 in Botswana

 

 

 

Uta Gruenberger

 

Uta Gruenberger lebt in Wien und Anif, wo sie zuletzt das Kunstmagazin salon rings um die Salzburger Festspiele entwickelte. Als freie Autorin schrieb sie für Magazine wie Stern, Vogue, Harper’s Bazaar, Park Avenue, SZ, Qvest. Bei drei Dokumentarfilmen führte sie Kamera und Regie. Derzeit bereitet sie den Relaunch des Kultmagazins The Manipulator vor.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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